Alltagsrassismus in Südbrandenburg

Eine Bushaltestelle in Elbe-Elster. Einige Personen steigen zu, darunter eine junge Frau, ich (älterer Mann) zuletzt. Als ich meine Karte auf das Lesegerät lege, höre ich den Busfahrer rufen, scharf, schneidend: „Du setzt dich nicht da hin!“ Die junge Frau wollte sich gerade auf den linken der beiden Sitzplätze der vordersten rechten Bank setzen. Dann, an mich gerichtet: „Setzen Sie sich da hin!“. Ich bin perplex, antworte ihm dann: „Das fällt mir doch gar nicht ein. Die junge Frau ist vor mir eingestiegen.“ „Ich möchte das so. Setzen Sie sich da hin!“ Ich bedeute der Frau, sie solle sich doch auf den freien Platz setzen, was sie ablehnt. Nun steht die junge Frau also (auch ich bleibe stehen), während die anderen Fahrgäste in dem ziemlich gefüllten Bus, die den Vorfall miterlebt haben, sitzen. Auf dem rechten der beiden Sitze der vordersten Bank befindet sich die Tasche des Busfahrers, wie ich von diesem erfahre. Man wisse nicht, wo man seine Sachen hinstellen solle.

Ich bin nicht nur ein älterer Mann, sondern ein älterer weißer Mann. Die Frau ist eine junge schwarze Frau.

Offensichtlich befürchtet der Fahrer nicht nur, jemand, der neben seiner Tasche sitzt, könne sich an deren Inhalt vergreifen, sondern er nimmt dies quasi zur Gewissheit, wenn es sich bei diesem Jemand um eine junge Schwarze handelt. Ganz anders bei einem älteren Weißen, den man auch selbstverständlich siezt, während man die erwachsene, dunkelhäutige Frau duzt.

Von der jungen Frau erfahre ich, nachdem wir beide an derselben Haltestelle ausgestiegen sind, dass rassistisches Verhalten in der letzten Zeit stark zugenommen habe. Sie sei beispielsweise von einem Fahrer, nachdem sie eingestiegen war, zurückgerufen worden, weil sie nicht „Hallo“ gesagt hätte. Das mache man hier so, sagte der Fahrer. Allerdings, teilt sie mir mit, hätten die anderen zugestiegenen Fahrgäste ebenfalls nicht „Hallo“ gesagt.

Alltagsrassismus. Das suggeriert etwas Alltägliches, etwas das halt so ist, irgendwie normal. Wenn ich versuche, mich in die Situation eines Menschen zu versetzen, der so etwas erlebt, ist aber nichts mehr normal, dann kommen zwei Gefühle hoch: Scham und Wut. Wie beschämend muss es sein, wenn man als einzige Person noch mal zurückgehen und nett grüßen soll, offensichtlich, weil man dunkelhäutig ist? Wie demütigend muss es sein, wenn mir aus demselben Grund vor Publikum unterstellt wird, ich würde klauen? Wie fühle ich mich, wenn mir so etwas wieder und wieder passiert?

Ich hoffe, dass die junge Frau, die als Fachkraft in einem gefragten und anspruchsvollen Beruf arbeitet, unserer Region hier in Südbrandenburg nicht den Rücken kehrt. Verübeln könnte ich es ihr nicht. In unserer Gesellschaft scheint es eine Eigendynamik zu geben, die Rassismus offenbar tatsächlich „normal“ werden lässt. Wenn Kollegen und Nachbarn verbal auf alles draufhauen, was nicht blutsdeutsch aussieht, dann denkt man offenbar gar nicht erst darüber nach, ob es gerechtfertigt ist, eine junge dunkelhäutige Frau öffentlich als potenzielle Diebin hinzustellen und ihr den Sitzplatz zu verweigern. Oder man lässt seinem gut genährten Hass und seiner Lust am Demütigen freien Lauf, indem man die Schwarze eben mal zum Grüßen antanzen lässt. Man will ja nicht nachstehen.

Das muss aufhören. Der Hass muss aufhören.